Kann ich meinen Eltern helfen?

Interview: „Wer hilft meiner Mutter? Was ist ein Frauenhaus?“
Wir haben mit Karin G. gesprochen, die Mitarbeiterin in einem Frauenhaus ist. | » zum Interview

Interview: „Wer hilft meinem Vater? Was ist Anti- Gewalt-Training?“
Wir haben mit Markus O. von der Männerberatungsstelle in Wien gesprochen. | » zum Interview

Warum sind meine Gefühle zu meinen Eltern so unterschiedlich?

Vielleicht liebst du beide Eltern sehr und hältst es kaum aus, wenn sie sich streiten. Du willst, dass sie sich vertragen und alles gut wird.

Es könnte sein, dass du ein Elternteil immer als Täter und ein Elternteil immer als Opfer erlebst. Den aggressiven Teil fürchtest du, den leidenden Teil möchtest du schützen.

Vielleicht wunderst du dich, dass deine Mutter deinen gewalttätigen Vater nicht verlässt oder wieso er immer noch zu euch kommt und euch bedroht, obwohl sie längst getrennt sind.

Es gibt Jugendliche, die das Vertrauen in beide Elternteile verloren haben und z. B. zum Stiefelternteil ein besseres Verhältnis haben als zum leiblichen Vater und zur leiblichen Mutter.

Manche leben bei Pflegeeltern, die klasse sind. Manche geraten an Pflegeeltern, die mit der Erziehung der Kinder überfordert sind.

Egal, wer wem weh tut: Es ist nicht deine Verantwortung, deine Eltern vor Gewalt zu schützen. Es ist nicht deine Aufgabe, die Gewalt zu beenden.

Du kannst aber Hilfe holen.

Warum trennen sie sich nicht einfach?

Es gibt viele Gründe, warum Menschen, meistens sind es Frauen, in einer gewalttätigen Beziehung bleiben.

  • Sie wissen nicht, wohin.
  • Sie lieben ihren Partner trotz allem noch immer.
  • Sie hoffen, er oder sie ändert sich.
  • Sie wollen den Kindern Vater oder Mutter nicht wegnehmen.
  • Sie haben nicht genug Geld, um wegzukönnen.
  • Sie fühlen sich einer Veränderung nicht gewachsen, weil sie krank sind.
  • Sie trauen sich nicht, ein neues Leben zu beginnen, weil sie sich klein und hilflos fühlen.
  • Sie haben Angst, den Partner zu verlassen, weil er droht, sich oder die Familie umzubringen.
  • Sie fürchten, dass er versucht, ihnen die Kinder wegzunehmen oder zu entführen.
  • Sie haben Angst vor der Reaktion der Familie.

Kann ich es ansprechen?

Wenn es Dinge gibt, die du nicht verstehst, traue dich, deine Mutter (oder deinen Vater), d. h. denjenigen, der bedroht oder misshandelt wird, danach zu fragen. Manchmal fällt es ihr oder ihm schwer darüber zu reden, weil sie dich davor schützen wollen. Manchmal glauben sie, du wüsstest nicht, was los ist. Versuche, mit diesem Elternteil zu reden. Dann weiß er oder sie, dass du nicht vor der Wahrheit, sondern vor der Gewalt geschützt werden musst.

  • Oder: Sage es anderen Erwachsenen und bitte sie, es anzusprechen.
  • Oder: Sag es HelferInnen und lasse sie mit deinen Eltern reden.

Vergiss nicht: dein Schutz geht vor.

Und wer hilft meiner Mutter, wer ist für meinen Vater da?

Es gibt Beratungsstellen, die extra für die Erwachsenen da sind. Sie sind spezialisiert auf Menschen, die Erfahrung mit häuslicher Gewalt gemacht haben. Es gibt immer auch die Möglichkeit, sich anonym beraten zu lassen. Man kann sich erst einmal anhören, was es für Hilfen gibt und dann entscheiden, welche Form der Hilfe man annehmen kann. Es gibt auch Beratungsstellen für die Täter. Denn wenn ein Täter sich ändern will, braucht er Hilfe.

Wenn deine Mutter sich alleine oder mit dir und deinen Geschwistern vom Gewalttäter trennen will, kann sie in einem der Frauenhäuser Schutz finden oder in eine Zufluchtswohnung ziehen.

Aber niemand muss ins Frauenhaus gehen und seine Wohnung verlassen, um Hilfe zu bekommen. Eine Mitarbeiterin der BIG-Hotline könnte mit deiner Mutter telefonieren und alle Menschen unterstützen, die aus dem Teufelskreis der Gewalt aussteigen wollen. Man kann dafür sorgen, dass der Täter die Wohnung verlassen muss und sich ihr bis auf Weiteres nicht mehr nähern darf.

Egal, wer die Ansprechpartner deiner Eltern sein werden, sie übernehmen die Verantwortung dafür, dass die Gewalt aufhört und alle Betroffenen geschützt werden.

Wenn du zum Kinder- oder Jugendnotdienst gehst und nicht mehr nach Hause willst, werden die Menschen, die das Sorgerecht für dich haben, zum Gespräch eingeladen. Wenn du den Mut hast zu erzählen, dass du Gewalt (mit-) erlebst, wird das mit Eltern besprochen. Du kannst, musst aber nicht bei diesem Teil des Gespräches dabei sein. Zusammen mit den BeraterInnen entscheidest du, wie gefährlich oder wie belastend es für dich wäre, deinen Eltern gegenüber zu treten. Eltern, die zugeben können, etwas falsch zu machen, kann geholfen werden. Dennoch könnte für eine Weile die räumliche Trennung hilfreich sein kann, damit du zur Ruhe und sie zur Besinnung kommen.

  • Niemand kann sich plötzlich zum Positiven verändern.
  • Veränderung braucht Zeit:
  • Es muss eingestanden werden, dass sich etwas ändern muss.
  • Es muss erkannt werden, was am bisherigen Verhalten schädlich war.
  • Es muss geklärt sein, wie das neue Verhalten aussehen soll.
  • Das neue Verhalten muss eingeübt werden.
  • Die Veränderung muss sich im Alltag bewähren
  • Jeder noch so lange Weg fängt mit dem ersten Schritt an...